»Weltsystemtheorie«

Theorieansatz, der sich gegen die national geschichtlich ausgerichtete historische Forschungstradition wendet und demgegenüber transnationale ökonomische Interaktionen und globale Wirtschafts->Systeme< in den Blick nimmt. Als ein Ausgangspunkt für die Weltsystemtheorie gilt Lenins Kritik des kapitalistischen Weltsystems, in deren Rahmen er die Unterscheidung von
Proletariat und Bourgeoisie dadurch komplizierte, dass er auf globaler Ebene die Beziehung von Peripherie und Zentrum als weiteres Ausbeutungsverhältnis einführte.

Der wichtigste - und Namen gebende - Vertreter der Weltsystemtheorie ist der amerikanische Wissenschaftssoziologe und Historiker Immanuel Wallerstein, der den Begriff des >Weltsystems< 1974 in seiner Studie The Modern World System definierte und dann in zwei Folgebänden von 1984 und 1988 weiter ausführte. Wallerstein bezieht sich einerseits auf Lenin, andererseits auf den französischen Sozialhistoriker Fernand Braudei einen Vertreter der Annales-Schule, der den Begriff der mediterranen Weltökonomie geprägt hatte, um die ökonomischen Austauschverhältnisse und Hierarchien zu beschreiben, die die Weltordnung bestimmten, bevor sich Nationalökonomien entwickelten.

Wallerstein erarbeitet auf dieser Basis das Konzept eines >modernen kapitalistischen Weltsystems<, das er mit der Erschließung und Ausbeutung der Amerikas ab dem 16. Jahrhundert ansetzt. Im Zuge dieser >Globalisierungsbewegung< kam es zu einer neuen weltweiten Arbeitsteilung, einer systematischen Aufteilung der Welt in >zentrale< und >periphere< Regionen (bzw. Zentrum, Peripherie und Semiperipherie). Die Peripherie erscheint vor diesem Hintergrund nicht als rückständig oder >unterentwickelt<, sondern als Teil eines systematischen Austauschprozesses; als Subsystem, das vom Zentrum in eben diese Position und Funktion (als Rohstofflieferant und Absatzmarkt) gezwungen wird.

Wallersteins Ansatz erwies sich als höchst einflussreich für geschichts- und sozial wissenschaftliche Studien, die sich mit Interaktionen über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus beschäftigen. Der Ansatz erfuhr allerdings auch beträchtliche Kritik. So wurde die Weltsystemtheorie für ihren Hang zum Determinismus angegriffen - der Ansatz lasse wenig Raum für das Denken von Widerstand und alternativen Entwicklungen. Auch
der »Ökonomismus« (Hans-Heinrich Nolte) der Theorie wurde'
kritisiert; kulturelle und politische Entwicklungen und Akteure, so die Kritik, spielten eine bestenfalls nach geordnete Rolle innerhalb dieses Denksystems. In den letzten Jahren wurde die Weltsystemtheorie darüber hinaus als eurozentristisch kritisiert - Kritiker wie Andre Gunder Frank, K.N. Chaudhuri, Kenneth Pomeranz oder Janet Abu-Lughod wiesen darauf hin, dass eine Weltsystemtheorie, die den Fokus auf die östliche Hemisphäre legte und das chinesische Weltreich oder den indischen Einflussbereich als Zentrum definierte, zu radikal anderen Ergebnissen und Einsichten kommen würde als Wallerstein.

der Text stammt aus dem Buch "Diaspora" von Ruth Mayer erschienen im transcript-Verlag