»Vorgestellte Gemeinschaften«

Konzept, das der Politikwissenschaftler Benedict Anderson 1983 in seinem äußerst einflussreichen Buch lmagined Communities formulierte, um die Phänomene des Nationalismus und den Prozess der Nationalstaatsbildung zu beschreiben und zu analysieren. Das Buch erschien zeitgleich mit der ebenfalls bahnbrechenden Studie des Soziologen und Anthropologen Ernest Gellner, Nations and Nationalism; beide Werke nähern sich unabhängig voneinander dem Konzept der Nation aus konstruktivistischer Perspektive, d.h. sie gehen davon aus, dass Nationen keine Realitäten, sondern historisch und kulturell spezifische Projektionen sind, die dann allerdings sehr reale Konsequenzen und Implikationen haben.

Laut Anderson hängt das Gesellschaftsmodell des Nationalstaats und der nationalen Identität eng mit der Industrialisierung, mit dem Aufkommen des Buchdrucks und der Säkularisierung zusammen. Die Nation, so schreibt Anderson, figuriert sich in der Folge dieser Entwicklungen zeitgleich an unterschiedlichen Orten der Welt als »vorgestellte Gemeinschaft«: »Sie ist vorgestellt, weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation nie alle anderen Mitglieder kennen, treffen oder auch nur von ihnen hören werden, aber doch im Bewusstsein von jedem das Bild der Gemeinschaft lebt«. Wie Ernest Gellner betont- Anderson so, dass Nationalismus nicht einen Prozess der gemeinschaftlichen Selbstfindung bedeutet, sondern dass »Nationalismus [...] Nationen, die zuvor nicht existiert haben. erfindet«. Aber mehr noch als Gellner besteht Anderson darauf, dass diese Erfindung nicht als »Fabrikation« oder als »Falschheit« zu verstehen ist, sondern eher mit »Vorstellung« oder »Schöpfung« gleichgesetzt werden sollte: »[Gellner] impliziert, dass »wahre« Gemeinschaften existieren, die sich vorteilhaft von Nationen unterscheiden lassen. Tatsächlich aber sind alle Gemeinschaften. die größer sind als urtümliche Dörfer, in denen jeder jeden kennt (und vielleicht selbst diese), vorgestellt«.

Anderson untersucht in der Folge die Mechanismen und Strukturen, die der Formation von vorgestellten Gemeinschaften zu Grunde liegen. Ein zentrales Moment bei der Entwicklung des modernen Staats und der Vorstellung einer nationalen Identität besteht für ihn in den Prinzipien der Gleichzeitigkeit und der Vernetzung, die durch die Medien, wie zum Beispiel - am augenfälligsten - die Tageszeitung, geschaffen werden: »[D]er Zeitungsleser, der beobachtet, wie exakte Kopien seiner eigener Zeitung in der U-Bahn, beim Frisör, von Nachbarn konsumiert werden, sieht sich kontinuierlich bestätigt, dass die vorgestellte Welt sichtbar im Alltagsleben verwurzelt ist. [...] [D]ie Fiktion dringt still und stetig in die Realität vor und schafft dort das bemerkenswerte Vertrauen in eine anonyme Gemeinschaft, das moderne Nationen auszeichnet«.

  • Benedict Anderson (1983): Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London: Verso (ĂĽberarb. Ausgabe 1991; dt.: Die Erfindung der Nation, 1998).
  • Emest Gellner (1983): Nations and Nationalism, Oxford: BlackweIl (ĂĽberarb. Ausgabe 1988; dt.: Nationalismus und Moderne, 1991).

der Text stammt aus dem Buch "Diaspora" von Ruth Mayer erschienen im transcript-Verlag