»Transnational«

Der Begriff des Transnationalen oder des Transnationalismus wurde 1916 von dem amerikanischen Kritiker Randolph Bourne geprägt, der in seinem Aufsatz »Trans national America« die Utopie eines pluralistischen Amerika entwirft, das kulturelle/ ethnische Differenzen nicht als Hindernisse, sondern als Chance für eine Zukunft begreift, die durch einen »kosmopolitischen
Internationalismus« geprägt ist. Doppelte Staatsbürgerschaften und doppelte nationale Identifizierungen und Loyalitäten sollten in diesem transnationalen Gesellschaftsgefüge systematisch ermutigt werden, so dass sich die USA wesentlich von der vom Nationalstaatsgedanken geprägten europäischen Tradition abhe. ben könnte.

Seit den I960ern fand der Begriff vor allem in den Politikwissenschaften Verwendung, wo er alle möglichen Austausch und Interaktionsprozesse bezeichnet, die sich einer nationalen Zuordnung entziehen (klassische Beispiele für transnationale Institutionen in diesem politikwissenschaftlichen Sinne sind die UN, die Europäische Union, die Weltbank und NGOs). Die aktuelle Konjunktur des Begriffs seit den 1990er Jahren geht in ihrer Semantik allerdings eher auf die ursprüngliche Begriffsprägung von Bourne zurück. Wenn Soziologen, Anthropologen und Kulturwissenschaftler von Transnationalismus sprechen, geht es meistens weniger um Institutionen und politische oder wirtschaftliche Beziehungen, sondern eher um Lebensformen, Erfahrungswelten und Identifikationsmuster, die sich nicht an einem nationalen Kontext (allein) festmachen lassen.

Das Phänomen, dass sich Menschen mit mehr als einem Land identifizieren, ist nicht neu nicht von ungefähr wurde der Begriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der damaligen Immigrationswelle in den USA geprägt aber im 21. Jahrhundert hat es vor dem Hintergrund neuer Kommunikations- und Transporttechnologien und neuer globaler Produktions-, Vertriebs- und Konsumstrukturen eine breitere Relevanz erhalten als je zuvor. In diesem Kontext wird der Begriff des Transnationalen oder des Transnationalismus seit geraumer Zeit als zunehmend positiv besetzter Gegenbegriff (der teilweise auch auf die Utopie einer postnational organisierten Weltgesellschaft verweist) zum negativ konnotierten Begriff der Globalisierung eingesetzt.

der Text stammt aus dem Buch "Diaspora" von Ruth Mayer erschienen im transcript-Verlag