»Neue Ethnizitäten«

1988 geprägter Begriff des britischen Soziologen Stuart Hall, der in dieser Periode eine Wende in der kulturellen Repräsentation und Wahrnehmung von Ethnizität feststellte. Während die Bürgerrechtsbewegungen und politische und kulturelle Minderheitenorganisationen der 1960er und 1970er Jahre die Notwendigkeit betonten, positive Selbstbilder gegen die tradierten rassistischen Stereotype zu stellen (»black is beautiful«), deutet sich für Hall in der folgenden Dekade eine Neuorientierung an.

In seinem Aufsatz »New Ethnicities« konstatiert er so einen neuen Ton und ein neues Selbstverständnis bei schwarzen Filmemachern, Künstlern und Autoren (wobei er »black«, dem britischen Sprachgebrauch entsprechend, als übergreifenden Begriff für afrikanisch- und asiatisch stämmige Menschen verwendet): Eine »neue Ethnizität« komme zum Ausdruck, die sich nicht auf der Basis einer einheitlichen Kultur oder gar eines biologischen Ursprungs verortet, sondern die Konstruiertheit und die Künstlichkeit der Kategorien »Rasse« und »Ethnizität« zum Ausgangspunkt für ihr Selbstverständnis als »Solidargemeinschaft« nimmt.

An die Stelle von ethnischer Abschottung treten so strategische Allianzen und flexible Gemeinschaftskonzepte: »(Das ist keine Ethnizität, die - wie die »englische Identität« - nur überleben kann, indem sie andere Ethnizitäten marginalisiert, enteignet, verdrängt und vergisst«. Auf dieser Basis ändere sich auch das (Selbst-) Bild ethnischer Minderheitenkulturen, die nun in all ihrer Komplexität und Ambivalenz dargestellt würden. Als Beispiel verweist Hall auf die Arbeiten des pakistanisch-britischen Autors Hanif Kureishi, der die pakistanische Gemeinschaft in London ironisch und kritisch gebrochen reflektiert, anstelle sie zu romantisieren oder zu sentimentalisieren.

Diese Neuorientierung sei möglich, weil sich die britische Kultur insgesamt gewandelt habe - die postmoderne Gesellschaft der 1980er sei so dezentriert und heterogen, dass die Migranten und die Bindestrich-Briten nun nicht mehr länger als Ausnahme- und Randfiguren erschienen. sondern als exemplarische postmoderne Subjekte, die sehr viel besser für die Welt der Zukunft gerüstet sind als die rückwärts gewandte Gesellschaft des »alten England«.

der Text stammt aus dem Buch "Diaspora" von Ruth Mayer erschienen im transcript-Verlag