»Kulturelles Gedächtnis«

Begriff, der von den Kulturwissenschaftlern Jan und Aleida Assmann in engem Bezug auf die Ansätze des französischen Soziologen Maurice Halbwachs (der zum Begriff des >kollektiven Gedächtnisses< forschte) definiert wurde. Jan Assmann bezeichnete das kulturelle Gedächtnis als »Sammelbegriff für den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten [...], in deren >Pflege< sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt. ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt«.

In der Folge unterscheidet er den Begriff des kulturellen Gedächtnisses von anderen Formen der kollektiven Erinnerung wie etwa der (Geschichts-)Wissenschaft. die systematischer und abstrakter angelegt ist als das kulturelle Gedächtnis. oder dem >kommunikativen Gedächtnis<. Das kommunikative Gedächtnis unterscheidet sich nach Assmann vom kulturellen Gedächtnis dadurch. dass es sehr viel kurzfristiger ausgerichtet ist - es umfasst eine Zeitspanne von etwa 80 Jahren. also drei bis vier Generationen - und sich an den persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen von Gruppenmitgliedern festmacht. so dass sein Vergangenheitsbezug sich ständig verändert - es ist »alltagsnah«. Das kulturelle Gedächtnis dagegen ist »alltagsfern« und markiert einen sehr viel breiteren Zeithorizont.
Es stellt eine »organisierte und zeremonialisierte Kommunikation über die Vergangenheit« dar. wie Harald Welzer schrieb.

Auch wenn das kulturelle Gedächtnis einer Gruppe scheinbar allgemein verbindliche Fixpunkte der kulturellen Identifikation markiert. ist es weder zeitlos noch kontextungebunden – es konstruiert Gruppengeschichte und -traditionen immer vor dem Hintergrund der aktuellen Bedürfnisse und Lebensumstände dieser Gruppe. Assmann betonte darüber hinaus, dass die Medien der Archivierung und Kommunikation (Riten. Schriftstücke, Lieder, Museen etc.) nicht als neutrale >Behälter< oder >Transportmittel< fungieren. sondern formgebend und sinnstiftend wirken und das kulturelle Gedächtnis einer Gruppe oder Gesellschaft somit wesentlich bestimmen (es macht einen Unterschied. ob eine Gruppe - wie die jüdische Diaspora - ihr kulturelles Gedächtnis schriftlich vermittelt oder - wie die schwarze Diaspora des 19. Jahrhunderts - eher musikalisch transportiert). Dazu kommt, dass sich das kulturelle Erinnern nicht im machtfreien Raum vollzieht, sondern dass das was als die >Identität< einer Gruppe oder Gesellschaft begriffen wird, immer durch bestimmte Schichten oder Eliten bestimmt wird (ohne dass dieser hegemoniale Definitionsanspruch seinerseits stabil wäre).

der Text stammt aus dem Buch "Diaspora" von Ruth Mayer erschienen im transcript-Verlag