»Erfundene Traditionen«

Begriff, den Eric Hobsbawm und Terence Ranger prägten, um historische Fiktionen zu kennzeichnen, die oft gezielt konstruiert wurden, um den sozialen Zusammenhang und die kulturelle Identität einer Gruppe zu begründen und Machtansprüche zu legitimieren. Der Begriff wurde in dem Sammelband The Invention ofTradition(1983), den der marxistische Sozialhistoriker und der Afrikanist herausgaben, systematisch und exemplarisch entwickelt. Der Band untersucht die Mechanismen, mittels derer sich Herrschaftsmechanismen etablieren und legitimieren - »dreht sich doch die Diskussion um Herrschaft und Macht, kulturell komplexe Felder wie Sprache und Erziehung sowie ethnisch motivierter Konflikte und territorialer Ansprüche immer wieder auch um zwei Dinge: die Begründungszusammenhänge dieser Ansprüche (die mitunter einen Zug ins nahezu Mechanische annehmen) und deren symbolische Formen, Insignien und Codes« (Plener, S. 1).

Das eingängigste Beispiel für eine erfundene Tradition lieferte wohl Hugh Trevor-Roper, der in seinem Beitrag in diesem Band nacherzählt, wie im Schottland des 18.Jahrhunderts die Hochlandtradition erfunden wurde. Die Kleidercodes (Kilt, Tartan) und die Literatur (Ossian), die in diesem Zusammenhang als angeblich jahrhundertealte Symbole der schottischen kulturellen Identität etabliert wurden, gingen erfolgreich ins kulturelle Imaginäre des 19. und 20. Jahrhundert ein und markieren seitdem das, was als 'schottisch' begriffen wird. Analog dazu beschreibt Terence Ranger, wie die britische Kolonialherrschaft in den afrikanischen Kolonien des Empires nicht nur eine 'britische' Identität konstruierte, sondern auch afrikanische 'Stämme' und 'Stammestraditionen' erfand, die im Zuge der vermeintlichen Beobachtung und Aufzeichnung allererst entstanden.

Hobsbawm unterscheidet dabei in seiner Einleitung zu dem Band zwischen 'Traditionen' und 'Gewohnheiten' ('custom'), und besteht damit darauf, dass nicht alle sozialen Bräuche und Codes auf erfundene Traditionen zurückgehen, auch wenn die erfundenen und die gewachsenen Traditionen oft eng zusammenhängen: »Manchmal konnten neue Traditionen einfach auf die alten aufgepfropft werden, manchmal wurden sie durch Anleihen aus dem gut bestückten Warenlager der offiziellen Rituale, Symbolismen und moralischen Regeln ersonnen - Religion und fürstlicher Pomp, Folklore und Freimaurerei (die selbst eine frühe erfundene Tradition von großer symbolischer Kraft war).«