»Cultural Citizenship (kulturelle Staatsbürgerschaft/Kulturbürgerschaft)«

Begriff, der auf die Entwicklungen der Globalisierung und Transnationalisierung reagiert, in deren Rahmen mehr und mehr Einwohner eines Landes sich nicht über ihre Staatsbürgerschaft identifizieren, und national staatliche und kulturelle Kategorien der Klassifizierung immer öfter auseinander klaffen. Die klassischen Definitionen der Staatsbürgerschaft, die sich - etwa in der Definition des Soziologen T.R. Marshall von 1950 - aus einer Kombination rechtlicher, politischer und sozialer Faktoren zusammensetzen, und die davon ausgehen, dass sich die »politische Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft, oftnahezu zwangsläufig, über kulturelle Zugehörigkeit, hauptsächlich durch die Beherrschung einer dominanten Sprache« bestimmen lässt (Turner, S. 13), greifen in Zeiten, in denen multikulturelle Staaten die Regel werden, nicht mehr. Dennoch ist die Staatsbürgerschaft weiterhin ausschlaggebend als Zugangsvoraussetzung für alle möglichen Rechte und damit zentral relevant für das öffentliche und politische Leben der Gegenwart.

Der Anthropologe und Chicano/a-Studies-Kritiker Renato Rosaldo, der die Debatte um 'cultural citizenship' maßgeblich beeinflusst hat, fordert vor diesem Hintergrund eine Revision des Staatsbürgerschaftskonzeptes, nach dem die kulturellen Aspekte der Selbstverortung nicht ausgeklammert, sondern in den Vordergrund gestellt werden. Er sprach von einem „Recht auf Differenz und darauf, im partizipatorisch-demokratischen Sinne dazuzugehören« (Rosaldo, S. 402), um das Problem zu markieren, dass Angehörige von ethnischen Minderheiten innerhalb von Nationalstaatsgebilden auf Grund ihrer kulturellen Differenz oft nicht als 'vollwertige Mitglieder' der Gesellschaft begriffen werden. Dabei schlägt sich in Rosaldos Texten das u.a. von Toby Miller diagnostizierte Problem nieder, dass Staatsbürgerschaft mehr und mehr in den Termini von Ansprüchen eher denn Verantwortungen und Pflichten gedacht wird. Rosaldos stark programmatischer Ansatz wurde denn auch dafür kritisiert, dass er die Fragmentarisierung der modernen Gesellschaften vorantreibe, anstelle ihr entgegenzuwirken.

Während Rosaldo immer noch weitgehend im Rahmen des Denkmodells vom Nationalstaat argumentiert, deutet sich als aktuelle Wendung in der Debatte um 'cultural citizenship' eine Weiterführung des Gedankens der 'kulturellen Staatsbürgerschaft' hin zur Idee einer 'Kulturbürgerschaft' an. Alternative Konzepte von citizenship bilden sich heraus, die sich vom Nationalstaatskonzept lösen und Bürgerschaft 'global' oder 'transnational' (etwa im Sinne eines institutionalisierten 'Weltbürgerkonzepts', das kulturelle Differenzen anerkennt, gleichzeitig aber auf einer Agenda verbindlicher Rechte und Pflichten basiert) formulieren.